Hafen Vegesack

Für den Bau eines Hafens hatten die Bremer kein Geld - Haus Seefahrt sprang ein

Schiffe der Hansestadt Bremen waren im 16. Jahrhundert auf den damaligen Weltmeeren zu Hause. Bremer Seeleute gingen in spanischen, isländischen, englischen, irländischen, norwegischen und baltischen Häfen an Land. Bremer segelten nach Afrika und zu den Kanarischen Inseln. Die Bremer Hans Stade, Hans von Bruchhausen und Hans Brant unternahmen eine Handelsfahrt nach Lissabon und Brasilien. Nur nach Hause, in ihren Heimathafen Bremen, konnten sie mit ihren Schiffen nicht fahren.

Größere Schiffe, die Ladung für Bremen an Bord hatten, mußten ihre Reise weit unterhalb der Stadt beenden. Die von ihnen mitgebrachten Waren mußten bei Brake auf flache Weserkähne umgeladen werden, denn die Weser bei Bremen versandete mehr und mehr. Das Ende der blühenden Hafen- und Handelsstadt Bremen schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Bereits Ende des 16. Jahrhunderts wurden erste Schritte für den Bau eines Hafens in Vegesack, am Aumunder Tief, eingeleitet. Immer wieder kam es zu Besichtigungen, zu Inspektionen. Eine Delegation des Rates nach der anderen reiste nach Vegesack, um die Möglichkeiten eines Hafenbaues zu erörtern.

Man muß aber dazu sagen, daß die Bremer - auch ohne Hafenbau - vor gewaltigen Ausgaben standen, wobei der Umbau des Rathauses durch Lüder von Bentheim finanziell nur eine verhältnismäßig unbedeutende Rolle spielte. Viel wichtiger war die Sicherheit der Stadt.

Bürgermeister Heinrich Krefting (1562-1611), einer der tüchtigsten Stadtoberhäupter in der Geschichte Bremens, der die großen politischen Veränderungen zu erkennen und zu beurteilen wußte, beobachtete mit wachsender Sorge die politischen und religiösen Auseinandersetzungen in Europa.

Krefting versuchte eine protestantische Union unter Einschluß der Hansestädte zu gründen, was ihm aber nicht gelang. Doch führte er im Jahre 1607 die sechs Reichsstädte Bremen, Hamburg, Lübeck, Lüneburg, Braunschweig und Magdeburg zu einem Bündnis zusammen. Die sechs Städte setzten einen Obersten als Befehlshaber aller militärischen Kräfte ein und verpflichteten - was noch sehr viel bedeutsamer war - den im Jahre 1609 schon in ganz Europa berühmten holländischen Artillerie-Hauptmann Johann van Valckenborg als Festungsbaumeister.

Das Ziel Kreftings war es, Valckenborg auch nach Bremen zu holen, um die Stadt mit einem festen Verteidigungsgürtel zu sichern, der auch den neuesten Waffen standhalten konnte. Krefting starb im Jahre 1611 an der Pest - zusammen mit seiner Tochter und seinem Enkel. Aber er hatte sein Haus gut bestellt. Valckenborg kam 1618 nach Bremen und legte eine - es war die Geburtsstunde der Neustadt - umfassende Befestigungsanlage auf dem linken Weserufer an, rechtzeitig bevor der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) die Stadt Bremen erreichte.

Unter diesen Umständen war natürlich für einen Hafenbau kein Geld da. Zwar machte der Senat im Jahre 1617, nachdem die Älterleute abermals Klage erhoben hatten, "daß sie an der Weser keinerlei Ort hätten, wo sie im Winter ihre Schiffe hinlegen könnten", Anstalten zum Ankauf der beim Aumunder Tief liegenden und für einen Hafenbau nötigen Ländereien. Auch wurden holländische Hafenbaumeister nach Bremen geholt: Die beiden Wasserbauwerker Wilken Unkes van Vernessen aus Groningen und Dirik Jansen von Leerdamm, denen noch der Bremer Wallmeister Jakob Claussen beigegeben wurde. Doch um richtig anfangen zu können, brauchte die Stadt Geld.

In dieser Phase trat das Haus Seefahrt auf den Plan. Die Vorsteher des Hauses waren bereit, den Hafen aus ihren Mitteln bauen zu lassen. Dazu schreibt Johann Georg Kohl (1808-1878) in seinem Buch "Das Haus Seefahrt zu Bremen", erschienen im Jahre 1862:
"Die Theilnahme, welche das Haus Seefahrt an der Anlage und Unterhaltung unseres ersten künstlichen Hafens an der Weser, während des ganzen Laufs des 17. Jahrhunderts gehabt und die Beihülfe, welche sie bei diesem für die Weserschiffahrt für einige Zeit so wichtigen Werke geleistet hat, stellt die Bedeutung dieses Hauses, als eines Institutes für die Ueberwachung aller Interessen der Schiffer, in ein besonders helles Licht."

Tatsächlich mußten die Bremer und das Haus Seefahrt tief in die Tasche greifen, um den Hafen zu finanzieren. Gleich im ersten Baujahr schluckte das ehrgeizige Projekt an der Lesum gewaltige Summen: 6875 Mark im April, 1031 Mark und acht Groschen im Juli, 1718 Mark und 24 Groschen im September und am 20. Oktober 343 Mark und 24 Groschen.

Das Haus Seefahrt schoß bereits im Jahre 1619 zunächst 4000 und später noch einmal 1000 Taler vor. Alles in allem waren es 11 600 Taler, die das Haus Seefahrt in den ersten künstlichen Hafen Deutschlands steckte. Und weil das Haus Seefahrt kein eigenes Geld drucken konnte, mußten sogar die Silberhumpen, aus denen auf der Schaffermahlzeit das Seefahrtsbier getrunken wurde, eingeschmolzen werden. Am Ende aber erhielt das Haus Seefahrt vom Senat das Recht, "jährlich in der Stadt und dem Gebiete bei allen Bürgern eine Kollekte zum Besten des Hauses zu veranstalten".

Die Hafenbauarbeiten wurden im Jahre 1623 abgeschlossen, und das Haus Seefahrt übernahm die Verwaltung des Hafens, an deren Spitze vier Vorsteher und zwei Schiffer standen. Ein Hafenmeister führte an Ort und Stelle die Aufsicht und erhob von den Schiffen Hafengebühren.

Das Hafengeschäft ging gut, obwohl die Unterhaltung der Hafenanlagen recht kostspielig war. Sehr viel Geld schluckten die Bohlen und Pfähle, die aus dem besonders dauerhaft geltenden Lüneburger Holz hergestellt wurden. Immerhin waren die Gewinne so hoch, daß das Haus Seefahrt Mitte der vierziger Jahre des 17. Jahrhunderts ein neues Hafenhaus errichten konnte. Dieses "Havenhaus" gehört jetzt dem Staat und wird als Gasthaus genutzt.

Im Jahre 1671 beschloß der Senat, den Hafen von Vegesack Pächtern zu überlassen. Das Haus Seefahrt protestierte. Der Senat aber meinte, es könne sich ja selbst als Pächter bewerben, und man werde, so der Senat, dem Haus Seefahrt vor anderen Bewerbern den Vorzug geben. Auf diesen Vorschlag ging das Haus Seefahrt nicht ein, und so wurde der Hafen an Heinrich Pundt für jährlich 200 Taler verpachtet, was sich in der Folgezeit als sehr nachteilig für Vegesack erweisen sollte.

 

Der Hafen verfiel, und schließlich wollte das Haus Seefahrt retten, was zu retten war. Es ließ den Hafen durch zwei vorgeschobene Personen pachten, doch lag offensichtlich "wenig Segen" auf dem Trick, wie Sophie Hollanders in ihrem Buch " Vegesack" aus alten Büchern zitiert: "Am Ende, nach vielen Klagen über Mängel und Verfall, übernahm Bremen selbst die Verwaltung des Hafens."

Von allen Deutungen des Namens Vegesack ist jene die einleuchtendste, die sich im Bremisch-Niedersächsischen Wörterbuch findet und heute auch von Heimatforschern kaum in Frage gestellt wird. In dem Wörterbuch heißt es "Fegesack -ohne Zweifel ist dem selben dieser Name gegeben eben der Ursache wegen, warum man ein Wirtshaus Fegebuel, vom Beutel fegen, zu nennen pflegt, weil nämlich daselbst den Matrosen und dem Schiffsvolk der Beutel geleert wird, indem sie sich, ehe sie abfahren, daselbst zu guter letzt lustig zu machen pflegen." Das Mittelniederdeutsche Handwörterbuch sagt dazu: "vege-budel, -sak, was den Beutel leert (Wirtshausname)".

Den schlichtesten und zugleich überzeugendsten Beweis für die Richtigkeit dieser Namenstheorie liefert der Bremer Ratsherr Heinrich Salomon in seinem Calendarium, geführt in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Darin steht geschrieben: "Am 2. May 1571 sind 5 Personen zu Elsfleth vor den Pfeilern, nachdem sie zum Vegesack sich vollgetrunken, im Schlaf umgekommen und ersoffen."