Piraten
Der Bremer Bürger Diedrich Röver fiel in die Hand türkischer Sklavenhalter
Vor der "Haustür" der Bremer war es etwas ruhiger geworden. Noch vor wenigen Jahrzehnten, im 16. Jahrhundert, hatten friesische, schottische und dänische Freibeuter den Seeleuten aus Hamburg und Bremen das Leben schwer gemacht. Bis in die Weser hinein waren die Seeräuber gekommen und hatten geraubt, was zu rauben war.
Noch immer saß den Bremern der Ärger mit dem Junker Balthasar von Esens im Nacken. Doch das war Vergangenheit. Die Friesen waren still geworden. Aber - neue Gefahren drohten den hansischen Seeleuten. Sie hatten verstärkt begonnen, entferntere Erdgegenden zu besuchen. Bremer Schiffe zeigten Flagge in den Häfen der Pyrenäenhalbinsel und des Mittelmeeres. Im Mittelmeer aber hatten es die Seeleute mit Seeräubern zu tun, die ein anderes Kaliber hatten, als der Junker Balthasar von Esens. Es waren Türken, die nicht nur gute Beute machen wollten, sondern sich auch als Glaubenskrieger verstanden. Es war ein Krieg der Mohammedaner gegen die christlichen Schiffer.
Die Hansestädte hatten es in diesem Krieg besonders schwer. Die Handelsseeleute aus Holland und England zum Beispiel konnten sich auf eine schlagkräftige Kriegsflotte stützen. Die Schiffer der Hansestädte jedoch waren schutzlos, und so kam es, daß immer wieder hansische Seeleute in türkische Gefangenschaft gerieten und damit in die Sklaverei.
Der Hamburger Staat hatte schon im Jahre 1624 eine öffentliche Sklavenkasse gegründet, um Seeleute freizukaufen. Die Lübecker folgten fünf Jahre später. Der Bremer Staat konnte sich, wie so oft, nicht entscheiden und überließ die Sache mit dem Freikauf dem Hause Seefahrt, das sich aber auch etwas schwer tat. Das jedenfalls zeigte sich im Falle des Bremer Bürgers Diedrich Röver.
Röver war um das Jahr 1640 in die Hände der Türken gefallen und mußte als Sklave sein Leben fristen. Irgendwann wurde er an einen Händler in Livomo verkauft, und dieser war bereit, Röver freizulassen, wenn Bremen ihm die Kosten erstattete, die er beim Kauf des Röver gehabt hatte.
Die Bremer brachten 349 Taler auf, überwiesen das Geld an einen Bankier in Amsterdam, den sie damit beauftragten, die Unterhandlungen mit dem Händler zu führen. Der aber verlangte plötzlich mehr Geld. Die Sache zog sich in die Länge, und ehe es zu einer Einigung kam, war Röver gestorben. Daraufhin ließ der Vorsteher des Hauses Seefahrt das Kapital aus Amsterdam zurückziehen und legte es als "Sklavenkasse" an. Und das war denn auch nötig. Im Jahre 1677 konnten fünf bremische Seeleute, die in die Sklaverei gefallen waren, ausgelöst werden.
Neue Schreckensmeldungen kamen 1687 von Helgoland. Dort hatte man afrikanische Raubschiffe gesehen, die die Mündungen der EIbe und der Weser unsicher machten. Dänische und holländische Kriegsschiffe zeigten Flagge. Aber auch die Bremer waren nicht untätig, denn ihr Englandhandel kam wegen der Seeräuber zum Erliegen. Sie engagierten den holländischen Kapitän Jürgen Bake, auch Georg Baek genannt, und machten ihn zum Befehlshaber der beiden Convoyschiffe "Wappen von Bremen" und "Roland von Bremen".
Convoyschiffe waren Kriegsschiffe, die zur Sicherung der Handelsschiffahrt und zur Deckung von Geleitzügen eingesetzt wurden. Die "Wappen von Bremen" verfügte über 52 Geschütze und 200 Mann Besatzung.
Kapitän Bake war ein gestandener und erfolgreicher Seeoffizier und Befehlshaber. Er begleitete in den Jahren 1690 bis 1697 und dann noch einmal bis zum Jahre 1706 viele Geleitzüge und brachte sie sicher ans Ziel. Der Ruf aber nach einer staatlichen Sklavenkasse verhallte nicht. Immer wieder wurden Anstrengungen unternommen, eine solche staatliche Kasse einzurichten, was den Staat wiederum zu neuen Ideen verführte. Der Bremer Bürgermeister Volchard Mindemann, ein sehr strenger und jeder Fröhlichkeit abholder Herr, schlug im Jahre 1755 sogar vor, die Schaffermahlzeit abzuschaffen und die dadurch gesparten Gelder in eine Sklavenkasse fließen zu lassen.
Was daraus geworden ist, werden wir noch im einzelnen erfahren. Nur soviel: Die Schaffermahlzeit wurde - und das aus guten Gründen - nicht abgeschafft. Eine staatliche Sklavenkasse gab es immer noch nicht. Das alte Spiel wiederholte sich. Es wurde geredet und geredet. Und am Ende fehlte in der Not das erforderliche Geld. Das Schiff "Frau Elisabeth" unter Kapitän Hermann Vägels war im Jahre 1798 von Marokkanern aufgebracht worden und die gesamte Mannschaft in Gefangenschaft geraten.
In aller Eile wurde gesammelt, um die Seeleute freizukaufen, und als man endlich etwa 8000 Taler zusammengebracht hatte, waren die Gefangenen tot oder waren sozusagen aus Bremer Sicht "verlorengegangen".
Aus anderen Quellen ist zu entnehmen, das Kapitän Vägels und seine Besatzung auf Betreiben des hanseatischen Gesandten in Lissabon, Baron von Stocqueler, ohne Lösegeld freigelassen wurden und nach Hause zurückkehrten. Wie auch immer: Mit den 8000 Talern, die man in diesem Augenblick nicht mehr brauchte, hatte man wenigstens den Grundstock für eine Sklavenkasse. Doch dann brauchte man sie nicht mehr.
"... Nach Verlauf von einigen Tagen erreichten wir die Landspitze Cap Corrientes auf der Insel Cuba. Des Morgens um I Uhr sahen wir in unserer Nähe 2 kleine Schoner kreuzen, von denen wir weiter keine Notiz nahmen. Denn hätten wir gewußt, daß dieses Piraten oder Seeräuber waren, wäre vielleicht noch die Möglichkeit gewesen, ihnen auszuweichen, denn unsere Schonerbrigg segelte auch gut. Aber jetzt gerieten wir in ihre Herrschaft, die sie uns auch bald zeigten. Es dauerte nicht lange, so hatten wir uns ihnen schon auf Schußweite genähert.
Von ihnen wurde eine Kanone scharf geladen und nach uns abgefeuert. Unser Capitain sah jetzt, wo er war. Wir machten Anstalten zu entfliehen, noch mehr Segel beizusetzen und unsere Richtung zu ändern. Aber dieses war jetzt zu spät, sie kamen uns immer näher, so daß die Kugeln schon durch unser Schiff und unsere Segel flogen. Unser Schiff wurde beigelegt, und ein großes Boot näherte sich uns. Jetzt wurde aus Gewehren auf uns gefeuert. Um uns nicht totschießen zu lassen, nahmen wir die Flucht nach unten ins Schiff. Das Boot machte fest, und die Räuber nahmen Besitz vom Schiffe. Es wurde sich dem Lande genähert und die Anker ausgeworfen. Jetzt kamen einige bewaffnete Kerle herunter und trieben uns mit Schlägen aufs Deck, wo wir die Segel einziehen mußten. Jetzt kamen die beiden Fahrzeuge der Räuber und legten an Bord...
Die ganze Bande war aus allen Nationen zusammengesetzt, es konnten ungefähr 50 Personen sein... Nun wurden die Luken geöffnet, und alles, was von der Ladung (Zucker und Tabak) ihnen passend war, wurde herausgenommen und in ihre Schiffe gebracht. Wir wurden gefragt, ob wir auch Geld an Bord hätten, was wir leugneten, obwohl wir wußten, daß Geld im Schiffe war. Jetzt wurde unser Capitain unter die Fockrah aufgehängt, aber weil einige gut gesinnte unter den Räubern waren, ließ man ihn wieder herunter.